Christlich-Schwul-LesBischer Stammtisch Dresden

ein spätes Outing

dem Leben gegenüber gehorsam sein

Ziemlich spät in meinem Leben habe ich angefangen, auf das zu achten, was in mir ist. Einen langen Umweg bin ich gegangen, bis ich endlich zu mir fand. Lag es an den Umständen, an meiner Unfähigkeit, an der Umwelt? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, möchte ich meine Geschichte erzählen. Vielleicht hilft sie zum Nachdenken darüber, wie man sich solche Umwege ersparen kann.

Gehorsam war ein Zauberwort. Damals, als ich klein war und noch nicht viel vom Leben verstand. Als ich groß sein wollte und in meiner Welt etwas gelten. Mit Gehorsam konnte ich Vieles erreichen: Anerkennung, Belohnungen, Streicheleinheiten. Wenn ich sagte, was man gerne hörte und tat, was erwartet wurde, war alles gut.

Das ging auch gut. Denn ich passte mich den Erwartungen an. Ich war gewillt, es jedem recht zu machen und achtete auf die Signale meiner Umwelt. Sie hatten etwas Heiliges an sich, waren unantastbar und allgegenwärtig. Ich kam nicht auf den Gedanken, sie zu ignorieren oder gar ihnen zu widersprechen. Das hätte mir nur Probleme gebracht. Warum sollte ich mir damit das Leben schwer machen?

Das Leben war so schon schwer genug. Die Zeiten waren schlecht. Die ersten sieben Jahre meines Lebens herrschte Krieg. Die folgenden Jahre waren von Mangel und Entbehrung geprägt. Und von großen Hoffnungen. Es konnte nur besser werden. Wenn wir alle unser Bestes taten. Wenn wir mit Fleiß und Disziplin einer besseren Zeit den Weg ebneten. Wenn wir uns den Umständen fügten, um der Hoffnung eine Chance zu geben.

Ich selber hatte kaum eine Chance, mich so zu entfalten wie es mir entsprach. Ich fühlte mich schwach gegenüber der Autorität meiner Eltern und klein meinem großen Bruder gegenüber, der mir als Vorbild vorgehalten wurde. Hatte ich eigene Vorstellungen vom Leben? Hatte ich Wünsche und Sehnsüchte? Ich weiß es nicht, es interessierte auch niemanden. Anpassung war gefragt. Den Erwartungen gerecht werden, hören und gehorchen.

Gehorsam blieb ein wichtiges Wort, auch als ich erwachsen war. Es war mir in Fleisch und Blut übergegangen. Nichts hatte sich geändert: Wenn ich lebte wie es erwartet wurde und redete was man hören wollte, war ich gern gesehen. Das brachte in meinem Beruf Pluspunkte. Als Pfarrer war ich der Ordnung der Kirche mit ihrer Lehre verpflichtet und den Erwartungen der Gemeinde ausgesetzt. Das funktionierte gut, weil ich kaum gelernt hatte, eine eigene Meinung zu haben.

Auch mein privates Leben gestaltete ich nach dem Prinzip der Anpassung. Ich folgte vorgegebenen Ordnungen und nahm Rücksicht auf vermeintliche Erwartungen. Ich heiratete. Natürlich hatte ich Sehnsucht nach Zweisamkeit, nach einem Menschen, mit dem ich mein Leben teilen konnte. Aber es war mehr Vernunft als Liebe, die mich leitete. Das aber war mir nicht klar. Ich hatte nicht gelernt, auf die Signale meines Herzens zu achten. Ich führte eine normale Ehe, aus der vier Kinder hervorgingen. Es war nicht leicht, meiner Rolle als Familienvater und den Anforderungen meines Berufes gerecht zu werden. Ich tat was ich konnte und habe meine Rolle nicht schlecht gespielt.

Bis ich aus der Rolle fiel. Mit der Zeit drängte nach außen, was ich unwissend verdrängt hatte. Spät in meinem Leben setzte ich mich mit meiner Veranlagung auseinander und fand nach harter innerer Arbeit mein Ja dazu, dass ich schwul bin. Dieses „innere Outing“ war ein langer und schwerer Weg, schwerer wohl als das äußere Outing. Die wichtigste Erkenntnis dabei war: Schwul sein ist nicht nur eine sexuelle Neigung. Es ist eine Weise des Denkens, Wollens und Fühlens, die sich auf alle Lebensbereiche auswirkt. Es ist so etwas wie eine Grundausrichtung, die tief in mir angelegt ist und nicht abzustellen geht.

Ein schwerer Weg begann, als ich mich meiner Frau offenbarte. Nach monatelangem Ringen und unendlich vielen Gesprächen kamen wir gemeinsam zu der Überzeugung, dass eine Trennung besser für uns ist. Ich habe große Achtung vor dem Verständnis und der Toleranz meiner Frau. Für sie ist alles unvergleichlich schwerer. Für mich begann ein neues Leben.

Neu ist für mich, dass ich auf meine innere Befindlichkeit achte und Signale ernst nehme, die aus mir kommen. Neu ist, dass die Erwartungen Anderer an die zweite Stelle gerückt sind und das Hören auf mich an die erste. Mitten im Prozess des Sich-Findens begegnete mir ein Wort des englischen Tanzlehrers Royston Maldoom, das mir sehr geholfen hat: „Man muss dem Leben gegenüber gehorsam sein. Wenn das Leben dich ruft, wenn es sagt, wohin du gehen sollst (nicht, wenn irgendjemand das sagt), dann muss man diesen Botschaften gehorchen.“

Mein neues Leben spielt in einer Welt, die schon ziemlich offen und tolerant geworden ist. Aber es bleibt noch Vieles zu wünschen übrig. Homosexuelle Menschen müssen sich in wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft verstecken. Trotz des „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes“, das seit 2006 Menschen vor Nachteilen u.a. wegen ihrer sexuellen Identität schützen soll, gibt es im beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld noch vielerlei Benachteiligungen. Das gilt vor allem für den kirchlichen Raum.

Neu ist für mich, dass ich sein kann wie ich bin und leben wie es mir entspricht. Dazu musste ich mich von einer Grundhaltung meines Lebens verabschieden, die darin bestand, mich anzupassen und einzuordnen. Dieser blindgläubige Gehorsam christlichen Werten und Lebensformen gegenüber hatte die tragische Folge, dass ich mich gar nicht kannte. Die christliche Botschaft ist so dogmatisiert und moralisiert worden, dass sie nicht mehr frei- und frohmachend, sondern einengend wirkt. Wem schon als Kind eingeimpft wird, dass er ein „armer, elender, sündiger Mensch“ ist, wie soll der seinen Phantasien trauen und seine tiefsten Wünsche ernst nehmen? Dem Leben gegenüber gehorsam sein, das heiß nun für mich: meine Lebensform in Einklang mit meinem innersten Wesen zu bringen. Seit ich mich darum bemühe, lebe ich erst richtig. Nun weiß ich erst, wie Glück sich anfühlt und was Liebe ist. Nun bin ich nicht mehr in mich gekehrt, sondern kann aus mir herausgehen. Die Klarheit und Ehrlichkeit sind das Beste an meinem neuen Leben. Ich kann nun mit mir identisch und meiner Umwelt gegenüber glaubwürdig leben.

Ich wünsche mir eine Welt, in der keiner mehr die bitteren Erfahrungen von Anpassung und Fremdbestimmung machen muss. Ich wünsche mir eine offene und tolerante Gesellschaft. Kinder können entfalten, was in ihnen angelegt ist. Junge Menschen können sich ausprobieren ohne gegängelt zu werden. Erwachsene können leben, wie es ihren Veranlagungen entspricht. Keiner wird aufgrund seiner sexuellen Identität oder Lebensform schief angesehen oder benachteiligt.

Wir sind schon auf einem guten Weg in eine solche Gesellschaft, müssen aber noch entscheidende Schritte tun. Die besten Schritte gehen wir, indem wir uns nicht nach den überkommenen Denkweisen oder Ideologien richten, sondern dem Leben gegenüber gehorsam sind.

Dresden, im Dezember 2008

 

18. Februar 2013 / Kategorie: Impressionen / Autor: Horst

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