Christlich-Schwul-LesBischer Stammtisch Dresden

Abendgebet und CSD 2014

 

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!

Aus dem Munde der jungen Kinder und

Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um

deiner Feinde willen.

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,

den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:

was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,

und des Menschen Kind, dass du dich seiner

annimmst?

Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,

mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner

Hände Werk,

alles hast du unter seine Füße getan:

Schafe und Rinder allzumal,

dazu auch die wilden Tiere,

die Vögel unter dem Himmel und die Fische im

Meer,

und alles, was die Meere durchzieht.

Herr, unser Herrscher,

wie herrlich ist dein Name in allen Landen.

(Psalm 8)

 

Liebe Gemeinde,

 

100% von Gott geliebt – ohne Wenn und Aber“ … so lautet das Motto in diesem Gottesdienst. 100% – ganz und gar – mit Haut und Haaren und was außerdem das Du neben Deinem Ich ausmacht… 100% angenommen, mit Liebe bedacht und mit Gaben reichlich beschenkt von Gott.

Das ist das Bild des Menschen, das die Bibel vermittelt. Und doch scheint es eben nicht mehr ganz ohne „Wenn und Aber“ zu gehen – offenbar sind vielerorts die Zeiten vorbei, in denen der Name des göttlichen Herrschers eben nicht mehr „herrlich in allen Landen“ ist. Und an die Stelle der Hoheit am Himmel rückte … der Mensch. Martin Luther selbst sah noch das „gläubige Ich“ als Teil einer Gesellschaft. Heute jedoch lebt viele das Individuum mit sich selbst, abgegrenzt von den anderen und allein vor dem Himmel. Doch angesichts dieser von vielen erlebten Leere erhält die alte Frage „Was ist der Mensch?“ eine neue Brisanz. Selbst unter Christen müssen Antworten auf diese Frage neu gefunden oder zumindest neu formuliert werden. Vor allem, weil Jahr für Jahr, Generation für Generation neue Erfahrungen, Erkenntnisse und Möglichkeiten die menschliche Existenz bereichern. So leben Christen wie Nichtchristen in einer anderen, zu großen Teilen umstrukturierten Gesellschaft als wie es sie noch vor 20 oder erst recht vor 50 Jahren gab. Anerkannte Normen in Bildung und Erziehung empfinden seitdem viele unterschiedlich, und die so oft geforderte Moral sucht ihren gemeinsamen Nenner: Die Buchstaben der Bibel besitzen vielfach eine unangefochtene Autorität, der Geist hinter ihnen offenbar nicht.

Deshalb gehört noch einmal mehr die alte Frage in unsere Mitte: „Was ist der Mensch…?“ Was bleibt von ihm? Was gewinnt er hinzu?

Vor allem an so einem Tag wie diesem mit seinem Thema bewegt die Frage nach dem Menschen – Gott sei’s gedankt – viele Herzen. Hier im Raum sind viele dieser Herzen sich gewiss einig: Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Deshalb loben wir ihn – gern auch mit den Worten des 8. Psalms. In dessen Sinne verbindet sich das Lob über den Menschen unweigerlich mit dem Lobe Gottes. Vor allem aber entfaltet sich für den Beter dieses Lob immer dann, wenn wir – wie an diesem Tag – einen Grund und Anlass finden, nach dem Menschen zu fragen … und wenn wir uns bemühen, Antworten zu geben – selbst wenn wir uns im Angesichte des Schöpfers hierbei eine gewisse Begrenztheit zutrauen dürfen. in diesem Sinne spricht uns der Psalmbeter auf eine Grund-Erfahrung menschlicher Existenz an: „Ohne Wenn und Aber“ gelten wir alle zu 100% als „Menschen Kind“.

Nur – Was heißt das? Vielleicht so: Der Mensch kann viel – er kann mit seiner Hände Werk, seinen Gedanken, seinem Urteilen und Richten sogar die Welt formen, er kann sie im guten Sinne beherrschen, aber auch zerstören. Wie oft erleben wir vieles davon in Ansätzen in so manchen Diskussionen über den Menschen selbst, damit unweigerlich über seine Gaben oder auch seine Lebensweise. Das schöpferische Formen wie auch das Zerstören beginnt in unseren Familien und geht durchaus weiter im Raum der Kirche und der Gemeinde, in der wir Zuhause sind oder in der wir unser Zuhause noch suchen.

Der Mensch in dieser Spannung jedoch kann nur schwer über sich hinauswachsen. Er ist und bleibt so wie er ist – vertrieben aus dem Paradies, doch angesprochen auf die Visionen in seinem Herzen – für sich, für die Gesellschaft und auch für die Kirche.

Mit dem Psalmbeter sprechen wir deshalb vom Angewiesen-Sein auf Gottes „Gedenken“ – sozusagen auf das schöpferische „Wort von Außen“ – es geht um das Angewiesen-Sein auf eine lebendige Barmherzigkeit, um Zuspruch zu einen Neubeginn angesichts der vielen Fragen zu dieser Welt und zum Werk des Menschen. Jeder Mensch – auch ein Christ – ist angewiesen auf dieses Gedenken. Möglicherweise findet er es dankbar in den Strukturen, die unsere Welt zu der machen, als die sie sich immer wieder erweist: Als Ort des Vertrauens, der Hoffnung und einer Liebe zum Jetzt und in eine Zukunft. In diesem Gedenken Gottes sind wir 100% Mensch, weil wir uns nicht uns selbst überlassen müssen. Sondern wir sind es, weil wir von Außen her eine neue Chance erhalten – eine Perspektive, die über den Menschen hinausweist, ihm aber und seiner Welt wieder zugute kommt.

 

Im Psalmwort des Gedenkens liegt deshalb vor allem dieser Segen, an den der Beter uns erinnert und uns zuspricht. Aber nicht nur uns, sondern jeder Generation, die sich den Fragen ihrer Zeit stellt und sich um Antworten müht.

So danken wir den Generationen, die um der Liebe und der Freiheit willen in den letzten Jahren gerungen haben, doch auf ihre Weise zum Lobe Gottes beitrugen. Denn was sie gesprochen, diskutiert, was sie auch gelebt und an Erfahrungen erworben haben – das alles leitet nicht nur neue, wichtige Fragen ein. Sondern alles Leben bisher – auch, wenn dabei Schuld immer wieder auftaucht – beinhaltet Fakten, die wir erst einmal wertfrei zu Kenntnis nehmen dürfen. Hinter sie kommen wir nicht zurück. Wer nun sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche diese gelebte Wirklichkeit verschweigt, verbirgt und zurückhält, der hat nicht nur Angst vor der Wahrheit, sondern er beraubt letztendlich Gott seiner schöpferischen Majestät – er reduziert andere auf den eigenen denkerischen und gefühlsmäßig eher einem Menschen Kind gleichenden Horizont. Und er verhindert, dass Gottes all-menschliches Gedenken und seine überhorizontale Barmherzigkeit ihren Weg nicht zum Menschen-Kind finden. Doch gerade das kann von keinem das Ziel sein. Im Gegenteil spricht der Psalmist einem jeden Menschen mit dessen Erfahrung, dessen kritischen Fragen und auch allen unfertigen Antworten zu: „Mit Ehre und Herrlichkeit hast Du, Gott, ihn gekrönt.“

 

Das Lob Gottes gehört allen! Es steht über dem, was wir unserem Gegenüber, seinem Versuch zu leben und damit seiner Lebensgeschichte an Wertschätzung und Ehrerweisen anbieten.

Gewiss geht nun der Begriff der „Ehre“ heutzutage etwas unter. Wir verbinden mit „Ehre“ gefühlsmäßig vielleicht eher ein Duell in einem amerikanischen Western. Und doch steckt hinter diesem Wort etwas, das genauso wichtig wie die Liebe ist, und was deshalb etwas ist, das gerade an so einem Tag wie heute gehört. In diesem Sinne – und damit ganz mit Psalm 8 gesehen – heißt Ehre dieses eine, nämlich: Jeder Mensch sollte im Namen Gottes die Chance haben, gehört zu werden – mit seinen Fragen, mit seinen Antworten und nicht zuletzt mit seinen Lebensweisen.

Jemanden zu ehren heißt, in ihm Gottes Ebenbild zu sehen, heißt, mit Gott in ihm gute Gaben zu wissen, die helfen, die Welt und die Gesellschaft zu gestalten. Jemanden zu ehren heißt, ihm zuzutrauen, dass er auf seine Weise das Leben und das der anderen liebt und dass er das sucht, was dem anderen und ihm selbst in guter Weise zum Leben dient.

Wo genau solch eine Haltung in einer Kirche und Gesellschaft gelebt und gefördert wird, erscheint etwas von Gottes Herrlichkeit – ganz gleich, ob nun die Rede von einer Beziehung von Frau zu Mann oder von Mann zu Mann ist.

 

Freilich deutet der Psalmbeter diese Herrlichkeit Gottes in seiner eigenen Sprache: „Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk; alles hast du unter seine Füße getan: Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.“

 

Diese Bilder sprechen für sich – wir verstehen sie. Und wie schon gesagt – sie greifen genau das auf, was zur Herrlichkeit Gottes gehört. Doch wissen wir, wie schwer solche Herrlichkeit zu leben ist. Denn in diesen alten Worten vernehmen wir den Ruf zur Verantwortung vor Gott, vor der Schöpfung und damit auch vor dem Menschen, also vor seinem Nächsten wie vor sich selbst. Solche Verantwortung zu leben heißt – die Würde des Menschen und der Schöpfung anzuerkennen. Verantwortung heißt, dem anderen – auch, wenn er nicht so wie man selbst ist – Gottes Gedenken zuzutrauen und ihm es immer wieder neu zuzusprechen: Lebst du aus Gottes Gedenken und gewährst du es anderen? Gewährst du anderen wie auch dir selbst, nach deinem Weg zu fragen und Dich bezüglich deiner Lebensweise immer wieder neu anfragen zu lassen – Du und Deine Erkenntnis und Wahrheit?

Vielleicht loben gerade diese Fragen Gott – im Gesprächsprozess der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsen zum Schriftverständnis und zur sexuellen Vielfalt, aber auch darüber hinaus. Diese Fragen gehören allen – denn sie nehmen jeden Ernst, schätzen ihn und sein Leben wert. Wer auf diese Weise zu 100% im Sinne Gottes liebt, schenkt allem Leben seinen Raum und seine Zeit: Auf diese Weise loben wir vielleicht am ehesten Gottes Gedenken, erkennen die Würde des Menschen und schenken ihm Zukunft – in Dresden und in jeder Stadt, in jedem Land und in jeder Kirche:

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen. Amen.

1 Altartisch

2 Predigt

3 Lesung

4 Abkündigungen

5 gedeckter Tisch

Und einen Tag danach war der CSD-Stand auf dem Altmarkt:


1 Im Stand

Der Stand

Mit Hund


 


2. Juni 2014 / Kategorie: Neuigkeiten / Autor: Paul

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