Im Jahr 2003 war das erste Abendgebet zum Christopher-Street-Day, das seither jedes Jahr vom Christlich-Schwul-LesBischen Stammtisch Dresden gestaltet wird.
Wir feierten es im “Kanonenhof”, dem Gottesdienstraum der Ev.-reformierten Gemeinde Dresden.
Von 2004-2007 waren wir in der Dresdner Martin-Luther-Kirche zu Gast. Da es dort immer wieder Terminprobleme gab, sind wir 2008 in den “Kanonenhof” zurückgekehrt. Hier finden wir immer freundliche Aufnahme un
d fühlen uns willkommen.
Das 9. Abendgebet fand am Freitag, dem 1. Juli 2011 statt. Wir hatten es unter das Thema “beflügelt weitergehen” gestellt. Die Predigt hielt Gabriele Führer, Pfarrerin der Dresnder Kirchgemeinde Leubnitz-Neuostra.
Sie hat uns ihre Predigt zur Verfügung gestellt:
Jesaja 40, 31
„ …die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“
„…beflügelt weitergehen.“ Wer möchte das nicht? Wer möchte nicht lieber die Portion Wind im Rücken verspüren statt des Bleis in den Füßen?
Eigentlich auch kein Problem! Oder? Auf jeden Fall: Mit nur 1,70 € lässt es sich lösen: (red bull – Büchse sichtbar hinstellen) Unsere Nahrungsmittelindustrie hat vorgesorgt: In dieser Blechdose finden wir Konzentration, Unermüdlichkeit, spontane Aktivität – energy pur! Und das Wichtigste: Der Inhalt verleiht Flügel! Heißt es.
Vielleicht erfüllt diese Büchse die Erwartung, das „Mittagsloch“ am Schreibtisch ein wenig auszugleichen. Oder die Mischung aus Zucker, Koffein und ein paar Vitaminen hilft uns auf, wenn wir bei einer sportlichen Aktion ein bisschen k.o. sind. Ehrlich gesagt, ich hab´s noch nicht probiert.
Nicht geeignet ist sie für die Müdigkeit, die die Menschen im Blickfeld des 2. Jesaja befallen hat: Wie geht es diesen Leuten? Seit 2 Generationen leben nun schon in der Fremde in Babylon. Äußerlich haben sie sich eingerichtet: Sie haben ihr eigenes Lebensumfeld. Sie dürfen Familien gründen, arbeiten, ihren Alltag leben… Eigentlich haben sie nichts auszustehen. Und doch fühlen sie sich nicht wohl. Sie sind dort, wo sie sind, nicht beheimatet. Sie empfinden sich als fremd in dieser Umgebung – weil sie anders leben, anders glauben… Sie sind geduldet. Hingenommen. Das schon. Aber eben nicht angenommen.
Diese Fremdheit hat etwas Ermüdendes an sich, nahezu etwas Lähmendes. Und Lähmung führt zu Resignation: Was sollten wir schon verändern können? Wir sind wenige, nur ein kleines Licht…
Und Resignation birgt die nächste Gefahr in sich: Sie verleitet dazu, andere für diese Situation verantwortlich zu machen: Ich selbst kann oder will nichts verändern. Aber müsste nicht der andere/ müssten nicht die anderen etwas tun, damit es uns besser geht?
„Wo ist Gott? Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber.“ sagen die Israeliten.
Und wir? Kennen wir das auch – das Gefühl, fremd zu sein? Es gehört wohl oft zu unserem Leben dazu: Da bin ich der einzige Christ unter Nichtchristen: „Du mit deinem frommen Zeug! Bleib uns bloß fern damit!“ – Da bin ich die einzige Dicke unter lauter Schlanken: „Reiß dich doch mal ein bisschen zusammen. Mach Sport…“ Und bei der Wanderung keuche ich wieder hinterher. – Da bin ich die einzige Frau in einer Männerdomäne. Sobald mir mal etwas nicht so gelingt, heißt es: „Da sieht man´s! Das ist nichts für Frauen.“ – Da bin ich in der Konfigruppe einer der wenigen Mittelschüler unter lauter Gymnasiasten. Eines der wenigen Kinder, dessen Eltern sich Klassenfahrt und Markenjeans nicht leisten können. Da bin der, für den Arbeit nicht der einzige Lebenssinn ist, unter lauter Workoholics. Der einzige Schwule, die einzige Lesbe unter lauter Heteros. Die Zugezogene unter lauter Hiesigen. Der Bewegungsmuffel unter lauter Sportlern…
Manche Situationen lassen sich ganz gut regeln: Wenn ich nicht sportlich bin, muss ich meine Freizeit ja nicht im Sportclub verbringen, sondern kann mir –z.B. – einen Chor suchen, wo Leute sind, die wie ich gerne singen. Aber es gibt eben auch die anderen Situationen, wo das nicht geht. In die ich hineingestellt bin und aus denen ich nicht so ohne weiteres herauskomme. Einfach, weil ich so bin, wie ich nun einmal bin. Und die anderen so, wie sie eben sind.
Hat jedoch gerade da, wo die Fremdheit gravierend ist, sie nicht auch bei uns Ermüdung zur Folge? Oder sogar die Lähmung, die uns resignieren lässt? Was soll ich/ was können wir schon ausrichten? Und wo wir an die eigenen Grenzen stoßen, wird dann vielleicht auch bei uns der Ruf laut: Müssten nicht die anderen, der Staat, die Gesellschaft, die Kirche… endlich einmal ihre Verantwortung wahrnehmen? Müssten die nicht etwas tun, damit es mir/ uns besser geht?
„Wo ist Gott? Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber.“ sagen die Israeliten. „Vielleicht ist er selbst inzwischen ein müder, alter Mann, mit dem niemand mehr rechnen kann…“ - „Nein.“ entgegnet der Prophet. „Ihr habt nicht Recht, wenn ihr meint, dass Gott nicht um euch wüsste. Wie sollte er dich, Jakob, dich, Israel, aus Augen und Sinn verlieren?“ – Indem er sie so mit Namen anspricht, erinnert der Prophet sein Volk an die Verheißungen, die Gott gegeben hat. Und dann sagt er den fragenden und resignierten Leuten weiter, was sie von Gott erwarten dürfen: Das 1. ist eine zärtliche, mütterliche Geste: „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinem Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.“(V. 11) Mit anderen Worten: „Gott nimmt euch wahr. Und er nimmt euch an. Ihr könnt euch seiner Achtsamkeit, seiner Liebe und Fürsorge gewiss sein.“ Das ist tröstlich. Vermittelt Geborgen-heit. – Doch das 2. ist dann auch ein gutes, notwendiges Geschenk: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ – Die der göttlichen Aufmerksamkeit und Liebe auf´s Neue gewiss Gemachten werden ermuntert, auch selbst zu ihren Weg zu gehen. Die, die zuvor müde waren, bekommen neue Kraft geschenkt. Die, die gemeint hatten: „Ich kann nicht.“, werden mit Stärke ausgerüstet – „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“, dass sie „beflügelt weitergehen“.
2 Dinge – wunderbar und gerade auch in dieser Reihenfolge heilsam und förderlich. Gott verhält sich, wie gute Eltern es tun, wenn sie ihren Kindern Halt und Geborgenheit vermitteln. Die aber auch ihre Flügel nicht beschneiden – sondern im Gegenteil: die sie bestärken und zulassen, dass die erwachsen gewordenen Kinder – im wahrsten Sinne des Wortes – flügge werden.
Was hat diese Zusage damals für die Israeliten bedeutet? Ihre Lage hat sich nicht gleich geändert. Doch sie haben neue Hoffnung geschöpft: „Irgendwann kommen wir ans Ziel unserer Wünsche. Irgendwann werden wir heimkehren in unser Land.“ Diese Hoffnung hat sie „beflügelt weitergehen“ lassen. Vielleicht hat sich die Gewissheit: „Gott hat uns nicht vergessen. Er ist mit uns.“ an ganz alltäglichen Dingen festgemacht: vielleicht an Begegnungen mit den sog. fremden Nachbarn; an Gesprächen, in denen sie von sich erzählen konnten; dass sie sein durften, wie sie nun einmal waren… Das hat ihnen geholfen, ihr Leben in der Fremde anzunehmen und zu bestehen. Bis sich ihre Hoffnung Jahre später erfüllt hat und sie unter dem neuen fremden Herrscher in ihr eigenes Land gehen durften.
Und wir? Sagen oder empfinden wir mitunter oder oftmals auch: „Wo ist Gott? Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber.“ - Heute bekommen wir gesagt: „Nein, so ist es nicht. Sondern: Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“
Woran merken wir, dass das nicht nur leere Worte sind? Was lässt uns „beflügelt weitergehen“? Macht sich die Gewissheit: „Gott hat uns nicht vergessen. Er ist mit uns.“ nicht oft auch an ganz alltäglichen Dingen fest? Da sind Menschen, bei denen wir sein dürfen, wie wir sind, die uns so annehmen und mögen. Da trauen uns andere Gutes zu – im Beruf, in der Gemeinde… Die Familie, Freunde lassen uns spüren, dass sie uns brauchen. Da werden wir mit unserer – vielleicht eigenwilligen – Meinung ernst genommen…
„…beflügelt weitergehen.“ Was gibt an diesem Christopher street day womöglich konkreten Grund dazu? Was würden Sie aus Ihren Erfahrungen heraus benennen? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht genau. Darum will ich ein paar Dinge aufzählen, die mir dazu in letzter Zeit begegnet sind:
In unserer sächsischen Landeskirche ist Homosexualität kein unumstrittenes Thema. Doch vor einigen Wochen druckte der „Sonntag“ einen guten, sachlichen Bericht über die Segnung eines Männerpaares in Chemnitz. Auch Fragen wurden ganz ehrlich benannt.
Pfarrer/innen, Kirchenvorsteher/innen machen sich Gedanken, wie sie in ihren Gemeinden damit umgehen wollen, wenn sich gleichgeschlechtliche Paare eine Segnung wünschen. Ehrliche, tiefe Gespräche gehen damit einher. Auch Leute, die bisher mit Vorurteilen an diese Fragen herangegangen sind, lassen zu, dass ihre Meinung auf den Prüfstand gestellt wird.
Im RU der 8. Kl. am Plauener Gymnasium haben 2 von 7 Gruppen – gewählt aus einer Fülle von Themen unter der Überschrift „Gerechtigkeit“ – sich mit der Frage der Homosexualität beschäftigt. Mit großer Offenheit und Normalität und erstaunlicher Sachkunde haben sie darüber gesprochen. Und egal, aus welchem familiären oder kirchlichen Hintergrund sie kamen – alle wollen sie, dass die Menschen, auch wenn sie verschieden leben, denken, fühlen, Sexualität wahrnehmen, die gleiche Würde und gleiche Rechte haben. Dass sie „schwul“ manchmal sagen, um jemanden zu beleidigen, fanden sie selbst blöd.
Der MDR zeigte eine Reportage aus einem thüringischem Dorf, in dem ein schwuler Pfarrer Dienst tut und auch mit seinem Partner im Pfarrhaus wohnt. Eine alte Frau wurde gefragt, wie die Dorfbewohner das sähen. „Wir müssen ihn so nehmen, wie er ist.“ sagte die. „Er muss uns ja auch nehmen, wie wir sind.“ - „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“
Manchmal wünschen wir uns vielleicht, dass es diese Erfahrung in der Büchse gäbe – für wenig Geld zu kaufen und schnell wirksam. Das ist leider kein realer Wunsch. Doch die Hoffnung, die in dieser Verheißung liegt – die ist real. Es gilt, sich darauf einzulassen und die Erfahrungen des Alltags daran zu messen: Wo erleben wir das? Wo macht Gott das bei uns wahr?
Und ich wünsche uns, dass das, was wir dabei entdecken, uns „beflügelt weitergehen“ lässt. Amen.